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HEY BORO - HERE ARE THE "TRUE" BOYS IN RED

Ein Reisebericht oder die Bestandsaufnahme eines Masochisten

Als mittlerweile erfahrener Kenner des britischen Fußballs hätte ich es ahnen müssen - die Schlacht um England ging bereits verloren, als im Heimspiel zur 3. Runde des UEFA Cup Chancen um Chancen vergeben wurden. Der Grundstein zum Aufstieg wird im Heimspiel gelegt, Tore die man nicht schießt bekommt man, das Leder ist rund und das Spiel dauert 90 Minuten - diese und andere Binsenweisheiten werden in der Regel nach dem Ausscheiden aus einem Bewerb oder nach der Niederlage in einem wichtigen Spiel von selbsternannten Gurus und Fußball Koryphäen immer wieder kolportiert.

Auch der leidgeprüfte Fan darf jammern. Vor allem nach den Strapazen, die man beim Spiel in Middlesbrough in Kauf genommen hatte. Niemals würde jedoch der Gedanke aufkommen, dem Team den Rücken zu kehren oder bei kommenden Schlachten durch Abwesenheit auf der Tribüne zu glänzen. Ein rotes Herz bleibt rot, komme was da wolle. So, genug pathetische Gefühlsduselei. Kommen wir zum Anfang der Story.

Sofort nach der Auslosung war den meisten Hardcorefans des GAK klar, dass man bei der dritten internationalen Partie in Folge auf der Insel dabei sein MUSS. Ausgestattet mit dem Erfahrungsschatz aus den beiden Partien gegen Liverpool und Glasgow, wurde die Internetmaschine angeworfen und der Trip bis ins Detail geplant. Waren wir beim Liverpoolspiel noch eine kleine Gruppe von maximal 60 Supporter, musste nach den Erfahrungen aus dem Glasgowspiel sofort gehandelt werden. Alles außer Billig-Airlines ist für Ottonormalverbraucher nicht finanzierbar. Unter dem Motto "die letzten beißen die Hunde" wurde sofort über Ryanair und Easyjet der Trip nach Newcastle gebucht. Zur Billig-Airline noch das passende Billig-Hotel und schon war man bereit für einen heldenhaften Schlagabtausch. Gemeint war mit "heldenhaft" zwar die Mannschaft, im Nachhinein betrachtet war es aber eher ein Schlagabtausch zwischen uns Fans und dem britischen Wettergott. Dazu komme ich aber später noch. Dank der Zuverlässigkeit von Ryanair durfte noch kurzfristig der bereits festgelegte Zeitplan über den Haufen geworfen werden - mein Dank an dieser Stelle an die äußerst inkompetente Hotline.

Unsere Gruppe hätte aus 6 Mann bestehen sollen - hätte. Am Tag der Abreise gab es bereits den ersten Ausfall. Die Grippewelle raffte einen unserer Treuesten dahin. Macht nix, Verluste müssen durch doppelten Einsatz der Verbliebenen kompensiert werden. Da der Mensch nicht gerne allein ist, kam es gleich vor dem Abflug zu ersten Zusammenrottungen diverser Fangruppen am Zapfhahn des Flughafenrestaurants. Mit Malz und Hopfen gestärkt ging's ab nach London. Zwischenstopp wie immer im Irishpub in Stansted. Nachtanken lautete der Auftrag. Fast drohte uns der nächste Ausfall - Freund Gunther dachte sich, "Warum nehme ich für einen Zweitagestrip nicht ein ganzes Fingernagel- und Pedikürstudio mit?" Nachdem diese bekanntlich tödlichen Waffen aus seinem Gepäck entfernt wurden, ging's direkt nach Newcastle - direkt bedeutet natürlich mit mehr als 90 Minuten Verspätung.

Das Englische Wetter ist ja, wie allseits bekannt nicht gerade jedermanns Sache. Um jedoch auch nur annährend die Unwirtlichkeit beschreiben zu können, die sich uns vor Ort offenbarte, müsste man den Hund fragen den man bekanntlich ja bei so einem Wetter nicht ins freie schickt. Macht nix. Vom Flughafen ins Hotel - natürlich nicht, ohne dass uns der Taxifahrer übers Ohr gehauen hat. Im Hotel nur mehr der Nachtportier anwesend. Wenn man für die Ausübung von McJobs auch ein Brain benötigt, dann hätte der nette, junge Mann noch dringenden Handlungsbedarf. Ist doch nett umschrieben, dafür dass ein "quick check in" über eine halbe Stunde gedauert hat. Natürlich ging es sich dadurch und auch auf Grund der späten Stunde nicht mehr aus, einige Schlummertrunks an der Hotelbar zu kippen.

Also auf ins Stadtzentrum. Nach 23:00 ist ja bekanntlich tote Hose in Englands Städten - einige Clubs die noch länger geöffnet haben, findet man aber immer wieder. Erster Club - erster Hinweis: "only students night" - dass wir keine Studenten waren, hat natürlich auch der intelligenteste Türsteher erkannt. Leider gab's für uns kein Bier und den zuvor erwähnten intelligenten Türsteher hatten wir an diesem Abend auch nirgendwo angetroffen. Next Club "same pocedure". Beim dritten "NO!" waren wir bereits echt sauer. Mein Körper war auf Grund der widrigen Witterungsverhältnisse bereits darauf eingestellt, nicht lebenswichtige Körperteile absterben zu lassen um den Restkörper auf Temperatur zu halten. Bei mir waren die Zehen bereits zur Verabschiedung freigegeben. Also auf zum nächsten Taxistand um Insiderinformationen anzuzapfen - Buffalo Joes war ein Tipp und der war Goldes wert. Die Bar verdient meinen ausgesprochenen Respekt. Für die Cineasten unter der Leserschaft: das "Coyote Ugly" von Newcastle. Details kann man sich unter www.buffalojoes.co.uk ansehen. Der Abend war gerettet und wir konnten endlich unsere Spielvorbesprechung mit gemälzten Getränken beginnen. Der Tipp hatte sich in Windeseile herumgesprochen, so dass bald mehr GAK Fans in der Bar waren als Briten. Um 02:00 war auch hier Sperrstunde und nach einer gar köstlichen Portion Fish&Chips, natürlich mit einem kräftigen Schuss Essig und Curry (uarrgh), ging's zurück ins Hotel.

Der Morgen danach musste gleich mit einem Reparaturbier gestartet werden. Durch die damit einhergehende Reanimation meines Gedächtnisses fielen mir sofort wieder die netten Damen ein, deren Bekanntschaft ich im Buffalo Joes machen durfte. Details dazu gibt's vielleicht in der nächsten Ausgabe des Buffalo Reports. Hochmotiviert ging es noch am Vormittag nach Downtown Newcastle zum Lunch. Auch hier eine Empfehlung aus dem Nähkästchen: "Old Orleans" heißt das Pub. Aufgetankt und aufgewärmt machten wir uns auf den Weg zur Railwaystation. 80 km Bahnfahrt nach Middlesbrough standen vor der vermeintlichen Glückseligkeit eines Auswärtssieges noch auf dem Programm. Lange hat es nicht gedauert, und der halbe 25er Sektor fand sich im Zug ein. Hier kam nun erstmals unsere ausgeklügelte, strategische Spielvorbereitung zu tragen. In Ermangelung eines Speisewagens und auf Grund unseres vorherigen Besuches im Bahnhofskiosk waren wir die uneingeschränkten Könige des Malzes. Die Gralsritter des Bieres sozusagen. Da in einer derartigen Notsituation natürlich nicht geteilt wird, zogen wir uns die vorwurfsvollen Blicke unserer Mitstreiter zu. "What shells" wie die Briten zu sagen pflegen. Gott sei Dank hatten wir auch noch einen Regionalzug erwischt, so dass der Ausblick auf die äußerst abwechslungsreiche und attraktive Landschaft dieses englischen Industriegebietes für längere Zeit unser Begleiter war.

Ankunft in Middlesbrough - Wettersituation: "besch...". Sofort fand unser inneres Radar die nächste Sports Bar. Was uns ein wenig traurig stimmte war das reichhaltige Whisky Angebot: Jack Daniels und Southern Comfort - für die Nähe zu Schottland war diese Auswahl wirklich beängstigend. Fluchtartig verließen wir daher nach einigen Bieren die Lokalität. Noch kurz ein Burger im kältesten Lokal dieses Planeten (keine Heizung bei Null Grad Celsius kann auch seinen Reiz haben) und dann sofort ab zur "pre game party" in ein Pub in der Nähe des Stadions. Hier war echt die Hölle los. Fast kein Hineinkommen. Gefüllt mit Boro und GAK Fans gab's einen regen und friedlichen Gedankenaustausch. Auch einige Fosters und Ales wurden ausgetauscht.

Noch ein letzter Schluck und ab ging's ins Stadion. Das Stadion ist recht ansehnlich jedoch kein Vergleich mit der Anfield Road oder mit dem Ibrox Park. Leider war es auch nur zu 2/3 gefüllt. Die Stimmung in unserem Sektor war wirklich toll. Vor allem nach dem schnellen Führungstor durch unseren Supermario war wirklich was los. Geschätzte 350 Grazer Fans konnten wir zu unserer Leidgenossenschaft zählen.
Zum Spiel nur soviel: Boro war nicht wirklich die stärkere Mannschaft. Ein Aufstieg wäre durchaus möglich gewesen. Wir hätten beim Heimspiel alles klar machen müssen. Aber toll gekämpft haben unsere Burschen. Zwei Nachbesetzungen haben sich leider auch empfohlen. Wer das Spiel gesehen hat, weiß wer gemeint ist. Ich hoffe, dass Schoko die notwendigen Maßnahmen ergreift.

Nun gut, ist halt wieder mal nichts aus diesem Auswärtsspiel herausgekommen, außer die Erkenntnis, dass die britische Polizei eine sehr niedrige Toleranzschwelle hat. Leider gab es zwei unschöne Szenen in unserem Sektor, wobei ich mir sicher bin, dass auch unsere Fans nicht ganz unschuldig an der Eskalation waren. Solche Aktionen sind absolut verzichtenswert.

Mit den Boro Fans gab es absolut keinen Stress. Wir sind nach Spielende sogar alle gemeinsam über den selben Zufahrtsweg ins Zentrum marschiert. Bis zum letzten Zug zurück ins Hotel fanden wir noch genug Zeit um einen Abschiedstrunk in einer zum Bersten vollen In-Bar zu uns zu nehmen. Dazu möchte ich die Leserschaft zu einem kurzen Exkurs in die, für Mitteleuropäer gar seltsamen Dresscodes der ortsansässigen Weiblichkeit entführen. Selten noch hat ein mit allen Sinnesorganen ausgestatteter Humanoid wie ich es bin miterleben müssen, wie Menschen ihren Körper einer Pein aussetzen die ihresgleichen sucht. Bereits vor dem Lokal fühlten wir uns ob der spärlich bekleideten Damen eher in die Karibik versetzt als in eine verregnete und verschneite englische Kleinstadt. Das Thermometer schwankte um den Gefrierpunkt und die Ladys hatten Sandaletten und Strandschuhe an. Unglaublich! Das ganze mit gekürzten Miniröcken und natürlich ohne Strümpfe. Respekt! Unsereins verkroch sich bis zur letzten Haarspitze in die dickste Daunenjacke und die Girls waren drauf, als hätte es gerade mal 35° Celsius. Da kann was nicht ganz stimmen. Man hatte fast die Vermutung, als handelte es sich um schiere Verzweiflungstaten mit dem Ziel, zumindest noch irgendjemanden an diesem Abend abschleppen zu können. Ich könnte mir als Mann jedoch etwas interessanteres vorstellen, als die nähere Bekanntschaft mit einem Eiszapfen zu machen. Also Männer, achtet darauf sollte es euch einmal in den Nordosten von England verschlagen.

Wieder um eine Erfahrung reicher, machten wir uns müde und zerknirscht auf den Weg in die Heimat. Im Zeitraffer sah dies folgendermaßen aus: Mit dem Zug retour nach Newcastle (diesmal mit Speisewagen aber dafür auch mit Ausschankverbot - unser Dank an British Railway) - 3 Stunden Schlaf im Hotel - Reparaturbier als Frühstücksersatz - Abflug nach London - ab ins Irishpub zur Nachbesprechung - Kopfweh - einchecken für den Ryanairflug nach Graz - 4 mal das Abfluggate wechseln - total verwirrtes Bodenpersonal belächeln - noch immer Kopfweh - rein in den Flieger - Schlaf nachholen und schon waren wir wieder in Graz. Zum Glück hat es auch bei uns etwas geschneit sonst könnte man ja fast versucht sein, noch an das Gute im Wettergott zu glauben.

Wenn sich der ganze Artikel nicht nach einem masochistisch gesteuerten Selbstzerstörungstrip anhört dann möchte ich nicht mehr der ROTE WOLF sein.
Bis zum nächsten Auswärtsspiel der roten Macht.
Impressionen

Der Rote Wolf







   




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